Was ich mir von Grundschulen wünsche? Nicht das!

Was ich mir von Grundschulen wünsche? Nicht das!

In einem Gespräch mit einer Mutter, dessen Kind in die Grundschule geht (2. Klasse), äußerte sie sich besorgt. Jeden Tag bereitet sie das Frühstück für ihren Sohn vor, geht mit ihm zur Bushaltestelle, setzt ihn in den Schulbus und verabschiedet sich. Jeden Schultag wünscht sie sich, das ihr Kind einen guten Tag haben wird. Natürlich weiß sie, dass man in der Schule nicht immer spielen kann und nur dem Spaßfaktor frönt. So denken Mütter nicht. Läuft es aber mal im Unterricht nicht so gut, vielleicht weil das Kind träumte, es sich ärgerte oder Dinge sich änderten – dann sollte ihr Kind nicht mit einem Unwohlsein nach Hause kommen und nicht mehr Lust auf Schule haben.

„Ich wünsche mir, dass Schulen sich für die Kinder stark machen und Kinder ausreichend positive Erfahrungen sammeln, Momente des Glücksgefühls kennen lernen und sehr viel Bewegung erleben“, so die Mutter. „Die Grundstimmung sollte mit „gut“ bezeichnet werden können. Nur ist das leider bei meinem Kind nicht der Fall und ich sehe, dass auch andere Kinder es nicht sind – nämlich nicht glücklich.“

Jeden Mittag, wenn sie wieder an der Bushaltestelle steht und der Schulbus anrollt, sieht sie ihren Sohn total erschöpft, lustlos und einfach müde aus dem Bus steigen. Die Kinder wirken frustriert, mit Arbeit überladen und manchmal sogar ausgebrannt. Sie hat das Gefühl, als würden die Kinder schon in der Grundschule für das nächste Examen, den Schulabschluss oder das Studium vorbereitet werden. Selbst nach der Schule hat ihr Kind nicht gleich Hunger und auch keine Lust zum Spielen, es will sich erst einmal ausruhen und nur für sich sein. Es dauert gut 1½  Stunden bis sich ihr Sohn erholt hat und von sich über den Schultag zu erzählen beginnt.

Ja, es wäre ein leichtes, die Lehrer für diesen Missstand verantwortlich zu machen. Man sieht jedoch, dass die Lehrer ähnlich frustriert, abgespannt und erschöpft wirken wie die Kinder. Natürlich würden Lehrkräfte sich gerne intensiver und mit mehr Freude den Schülerinnen und Schülern widmen können. Sie beklagen aber den hohen bürokratischen Aufwand, was Konferenzen, Aktualisierung von Curricula und Umsetzung von Lehrplänen angeht. Alles das müssen Lehrer auch berücksichtigen und dazu ihre Unterrichtsstunden vorbereiten.
Schaut man sich die Schulhomepages an, so profilieren sich Schulen mit Leistungs- und Unterrichtsangeboten, die gewöhnlich praxisuntauglich sind, weil sie gar nicht gelebt werden können. Spricht man Lehrer oder sogar die Schulleitung darauf an, so erwidert man den Eltern mit Achselzucken und dem Hinweis, das dies die Vorgaben des Schulamtes seien. Hinter vorgehaltener Hand gibt man offen zu, dass das System Schule mehr Verwaltungsapparat als Hort der lernenden Erfahrung geworden ist. So wie Ärzte immer weniger Zeit für ihre Patienten haben, so haben Lehrkräfte immer weniger Zeit für ihre Schüler.

Wer Freude mitbringt, lernt leichter, schneller und effektiver.

Der Druck kommt demnach von oben, von Bürokraten, die sich ihre Ideen auf dem Papier schön schreiben und der Überzeugung sind, etwas Beachtliches geleistet zu haben – fern jeglicher Praxis und Unwissenheit, wie sich das Leben der Familien in Gesellschaft veränderte. Sie wissen einfach nicht, was Kinder brauchen, um sie begeisternd lernen zu sehen. Die natürliche Neugier und Kreativität der Kinder werden in der Grundschule getötet und gleichgeschaltet. Die Lernumgebung Schule ist ein Desaster und künstlich inszeniert. Lehrer, die in einem solchen System ausgebildet werden, können nur schwer ausbrechen. Gewöhnlich tun sie es nicht, weil sie in der Funktion des Beamten oder des abhängig Beschäftigten sich nicht zutrauen Paroli zu bieten. Sie sind Gefangene bzw. Geiseln des Systems.

„Als Elternteil wünsche ich mir eine gute Lernumgebung, die grundsätzlich positiv ausgerichtet ist und die Kinder dort abholt, wo sie sich gerade befinden“, so die Mutter. Und sie möchte, dass man die starren Zeiteinteilungen, die durch Schulglocken gekennzeichnet sind, abschafft und die Unterrichtszeit so eingeteilt wird, wie Kinder sie brauchen und nicht das System es gerne hätte. Unruhe bringt der Alltag schon genug mit sich. Kindern werden dann glücklich, wenn sie spüren, wie ihre Freude, ihr Lernengagement und ihre Kreativität täglich aufs Neue gefordert werden. Wer Freude mitbringt, lernt leichter, schneller und effektiver. Eigentlich etwas, was Bürokraten in langen Texten schreiben, sich vielleicht insgeheim sogar wünschen, doch durch ihren Ordnungswust abtöten.

Die Vorgaben des heutigen Schulsystems sind ausschließlich ausgerichtet an Auszeichnungen, Abschlüssen, Titeln, Lernzielen und wissenschaftlichen Abhandlungen, die allesamt künstlich geschaffen wurden. Sie sind und waren nie natürlichen Ursprungs. Und um diesem Wahn zu entsprechen, müssen Kinder hart arbeiten. Und Kinder mögen diese Arbeit nicht. Kinder lernen durch spielen. Denn im Spiel findet die Kommunikation und die natürliche Reaktion statt. Machen sie Fehler, dann entdecken sie für sich eine Lösung und machen einfach weiter. Sie überwinden Beschränkungen gänzlich unkompliziert. „Vorstellung“ und „Kreativität“ sind Fähigkeiten, die zu Innovation und Problemlösung beitragen, beides fehlt nicht wenigen Berufstätigen heute.

Es macht keinen Sinn, Kinder aus der Sicht eines Erwachsenen arbeiten zu lassen. Der frühe Konkurrenzdruck schadet. Wir orientieren uns ausschließlich an Auszeichnungen und glauben, dadurch sei ein Mensch besser und wissen letztlich nichts über seine Fähigkeiten. Das Papier sagt, dass du gut bist und dann glauben wir das. Und genauso glauben wir es andersherum; die Folgen können für das Leben eines Kindes fatal sein. Die Momentaufnahme eines Zeugnis scheint bedeutender, als das beständige Können. Das Schulsystem benutzt die Grundschule, in dem sie Frühselektion für spätere Hochschulstudenten betreibt. Durchschnittlich sechs Stunden täglich lernen die Kinder still zu sitzen, an Rechenaufgaben zu arbeiten oder man bereitet sie auf Prüfungen vor. Immer heißt es „konzentriert euch“ und „seid leise“.

Wenn sich der Leistungsanspruch Schritt für Schritt nach unten verschiebt, wie sollen Kinder sich in einem solchen Umfeld entfalten können? Es braucht Zeit, bis man verstehen lernt, was man für Fähigkeiten hat. Meister fallen nicht vom Himmel, auch dann nicht, wenn sie Talent haben. „Üben“ und „trainieren“ heißt aber nicht „schuften“ und „abrackern“. Ein Blick auf die motorischen Fähigkeiten der Kinder in Grundschulen zeigt, dass nur wenige ihre Schuhe binden können. Dafür können sie aber vielleicht schon den Zahlenraum bis einhundert erschließen. Wäre es nicht sinnvoller die Kinder darin zu trainieren, WIE sie besser lernen könnten, als ihnen stets das WAS zu vermitteln?

Ja, man spürt sehr deutlich die Unzufriedenheit dieser Mutter, die nur ihren Sohn im Schulalltag beobachtete. Und sie ist besorgt und manchmal ohnmächtig, wenn sie all den Irrsinn erfährt. Die Mutter erzählte, wie sie sich Bildung und Erziehung wünscht und machte dazu auf das obige Video, des für sie besten Kindergarten der Welt, aufmerksam. Aus ihrer Sicht könnten Grundschulen viel von diesem Kindergarten lernen.

Titelfoto: Credits to PublicDomainPictures (pixabay.com)

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Thorsten Wollenhöfer

Autor & Dozent bei SOCIALMEDIALERNEN.com
Betrieblicher Ausbilder (IHK)
Lehrkräftefortbilder (HLbG)
Spezialist für Strategisches Internet Marketing (SIM)
Zertifizierter Multiplikator für Elternschulungen des Hessischen Kultusministeriums
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