Schulleitung empfiehlt: Medienkonsum ohne Limit

Schulleitung empfiehlt: Medienkonsum ohne Limit

„Ein Schulleiter bittet die Eltern, ihre Kinder entscheiden zu lassen, wann sie die Bildschirmgeräte abschalten wollen – Medienkonsum ohne Limit!“

Man muss schon zweimal lesen, um die Schlagzeile zu verstehen. Überall in Europa wird vor zuviel Medienkonsum und deren Folgeschäden gewarnt. Nun wagt eine Schule, es genau anders zu machen. Ein Gag? Mitnichten!

Brian Foglia gründete vor etwa einem Jahr eine Schule in Medford New Jersey (USA). Sie nennt sich SOUTH JERSEY SUDBURY SCHOOL und trägt den Beinamen „Demokratische Naturschule“. In dieser Schule kontrollieren die Kinder ihre Schule durch Abstimmung selbst und sind für die Planung ihrer eigenen Aktivitäten verantwortlich. Auch ihr Ausbildungsverlauf wird von ihnen kontrolliert. Lehrer stehen den Schülern grundsätzlich zur Verfügung, aber nur, wenn Schüler Unterstützung von ihnen anfordern. Das Sudbury-Modell, auf dem die Schule basiert, geht davon aus, dass Schüler nur dann lernen, wenn sie an etwas interessiert sind. „Unsere Gehirne verarbeiten und behalten Informationen am besten, wenn wir Freude haben oder wir tief an einem Thema interessiert sind bzw. beides eintritt“, so Foglia.

Als Foglia den zukünftigen Eltern seine Schule vorstellte und dabei das Schulmodell und deren Philosophie präsentierte, gab es schnell einen gemeinsamen Einwand der Eltern: „Man kann Kinder doch nicht machen lassen, was sie wollen. Was ist, wenn sie den ganzen Tag vor dem Bildschirm sitzen?“ Diese Frage steht oft mit der eigenen Erziehung der Kinder im Einklang. Eltern wollen nicht, dass sie viel Zeit mit den Medien verbringen – also schränken Eltern die Zeit ein. Erlaube ich den Kindern ein bisschen, dann liegt es auf der Hand, dass ich die Bildschirmgeräte interessanter mache, so Foglia. Kinder sind grundsätzlich nicht glücklich, wenn ihre Eltern ihnen vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben; besonders dann nicht, wenn sie etwas gerne machen möchten und Eltern es ihnen verbieten.

Ein Problem bei der Festlegung einer strengen Bildschirmbegrenzung ist, dass die digitale Technologie sich immer weiter entwickelt und Kinder mehr und mehr Zeit online verbringen. Zwangsläufig entsteht eine Spannung zwischen Eltern, die die Vorteile nicht erkennen und ihren Kindern, die die Technik in vollen Zügen erforschen wollen.

Erwachsene haben sich schon immer über die ihr folgende Generation geärgert und stets benannt, warum es falsch läuft. Heutzutage ist die Bildschirmzeit die große Sorge aller Eltern. Obwohl die American Academy of Pediatrics ihre Empfehlungen kürzlich aktualisierte, sind die Eltern selbst am Forschen, was die richtige Zeit für ihre Kinder sein dürfte, online zu sein. Die einen Eltern sehen sich als Experten an, die starr an einer Grenze festhalten, während die anderen Eltern ihren Kindern ein Online-Leben mit allen verlockenden sozialen und pädagogischen Möglichkeiten offerieren, die das Internet bietet.

In der Regel konzentrieren sich Eltern auf die Sorgen, weil das Internet einen Hort der Gefahren für sie darstellt – von Cyber-Mobbing bis Cyber-Stalking. Foglia versteht die überbehüteten Reaktionen der Eltern, doch rechtfertigen die Belege nicht die Paranoia. Und natürlich ist es richtig, dass ein Risiko im Zusammenhang mit der Verweildauer an den Bildschirmen existiert, doch sind Risiken bei jeder Aktivität vorhanden. Nicht wenige Schulen beklagen, Probleme mit Mobbing zu haben. Nur leider sitzen die Tyrannen in den Gebäuden der Schulen und es fehlen Konzepte gegen das Zulassen von Mobbingaktivitäten. Die Schüler an unserer Schule, so Foglia, verpflichteten sich, Mobbing in jeder Form zu unterbinden. Die American Psychological Association zeigte, dass Cyber-Mobbing nicht schädlicher als klassisches Mobbing ist. Jegliche Art von Mobbing darf keine Akzeptanz finden.

Das angebliche Risiko einer sozialen Isolation durch Onlinekonsum macht mich sprachlos.Brian Foglia

Kinder benutzen elektronische Geräte, um soziale Isolation zu überwinden und neue Freunde zu finden. Ihre Isolation ist hausgemacht und wird durch ihre Eltern forciert, die sich aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr genug um sie kümmern. So hat z.B. in vielen Ländern die Arbeitsbelastung stark zugenommen. Um Lebensstandards aufrechtzuerhalten, müssen beide Elternteile arbeiten. Für viele Mütter und Väter ist es heutzutage nicht leichter geworden, ihren Erziehungsaufgaben optimal nachzukommen.

In ihrem Buch „Es ist kompliziert: Das soziale Leben der vernetzten Teens (Englische Fassung)“ von Danah Boyd, interviewte die Autorin hunderte von Teenagern zu ihren Online-Erfahrungen. Das Thema der „fremden Gefahr“ zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Die meisten Eltern ängstigen die sexuellen Jäger, die über die Online-Kanäle mit ihren Kindern Kontakt aufnehmen, obwohl Boyd schreibt: „Die durch das Internet initiierten sexuellen Übergriffe sind selten und die Gesamtzahl der Sexualverbrechen gegen Minderjährige ist seit 1992 stetig zurückgegangen, was darauf hindeutet, dass das Internet keine neue Pest geschaffen hat.“, fährt Boyd fort und weist daraufhin, dass Kinder am meisten durch Übergriffe aus ihrem unmittelbaren familiären Umfeld gefährdet sind. Nur leider wird das immer noch viel zu wenig beachtet und diskutiert, weil es nicht zum Verhalten der Eltern passt, die stets erzählen, sie hätten ihre Kinder unter Kontrolle, um sie vor Fremden zu schützen.

Meines Erachtens rechtfertigt keines dieser Risiken, den Jugendlichen die Möglichkeit zu nehmen das Internet auf eigene Faust zu erkunden.Brian Foglia

Wenn Kinder erwachsen werden und unabhängige Fähigkeiten entwickeln sollen, wie z.B. kritisches Denken, um ihre eigenen Probleme zu lösen, dann müssen sie auch lernen, ihren Instinkten zu vertrauen. Bei den kleinsten Schwierigkeiten gleich nach den Erwachsenen zu rufen ist genauso verkehrt, wie deren Erfahrungsschatz zu verteufeln. Natürlich suchen Kinder den Schutz der Eltern, doch müssen Risiken eingegangen werden, um die Autonomie und das Selbstvertrauen der Kinder zu stärken.

Das Internet hat eine Informationsrevolution eingeleitet und eröffnet endlose Wege der Kommunikation, Kultur, Nachrichten und auch der Bildung. Schon YouTube alleine leitet einen Paradigmenwechsel ein, wie Menschen neue Informationen und Fähigkeiten erlernen können. Wir vertrauen nicht mehr nur auf Experten, die viel Geld verdienen und ihr Wissen einem kleinen Kreis zur Verfügung stellen. Darüber hinaus hat sich das Gaming von der früheren asozialen Aktivität zu einer höchst sozialen Aktivität gewandelt. Spieler können Teams mit anderen Menschen auf der ganzen Welt bilden und dabei Teamwork erlernen und Verhandlungsgeschick aufbauen. Ja, dass ist der entscheidende Kontext, in dem wir die Debatte der „Bildschirmzeit“ sehen müssen.

Indem wir den Kindern so viel Online-Zeit verweigern, wie es nur geht, vermitteln wir ihnen unausgesprochene Unterrichtseinheiten, wie „du bist nicht fähig, um auf eigene Faust das Internet zu erkunden“ oder „deine Interessen und Leidenschaften sind weniger wichtig im Vergleich zu den staatlich anerkannten Lehrplänen“.Brian Foglia

Kinder nehmen diese Botschaften auf und verinnerlichen sie. Dabei können sie Ärger und Depressionen verursachen. Anstatt die Interessen der Kinder zu teilen, schaffen viele Eltern eine Atmosphäre der feindlichen Beziehung, konzentriert auf Ködern, Drohen und Misstrauen. Meine Argumente unterliegen der grundlegenden Vorstellung, so Foglia, dass Kinder auch Menschen sind. Sie verdienen es, mit Respekt behandelt zu werden und sie verzweifeln, wenn es nicht passiert. Eine Beschränkung des Zugangs zu Informationen, Inspiration und Chancen straft das Recht der Kinder, selbst herauszufinden, was sie lernen wollen und lehrt sie nicht zu vertrauen.

Wer glaubt, dass Schulgründer und Schulleiter Brian Foglia eine multimediale Schule in den USA gründete, die sich den Bildschirmmedien unterwarf, irrt gewaltig. Daher lohnt sich der geschulte Blick auf das Konzept „The Sudbury Model“.

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Thorsten Wollenhöfer

Autor & Dozent bei SOCIALMEDIALERNEN.com
Betrieblicher Ausbilder (IHK)
Lehrkräftefortbilder (HLbG)
Spezialist für Strategisches Internet Marketing (SIM)
Zertifizierter Multiplikator für Elternschulungen des Hessischen Kultusministeriums
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