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Wie Kinder ihre Angst vor Mathematik bewältigen können

Wie Kinder ihre Angst vor Mathematik bewältigen können

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Anstelle den Schülern mehr Hausaufgaben in Trigonometrie zu geben, sollten sie in Mindfulness Meditation trainiert werden.

Machen wir eine kleine Reise nach Toronto, Kanada. Dort versammelt sich eine Gruppe von Jugendlichen nach der Schule beim Math Guru, einem kleinen unabhängigen Tutoring Center. Die Schüler sitzen in bequemen Stühlen und schlürfen Tee. Sie sind zusammen gekommen, um an ihren Mathe-Hausaufgaben zu arbeiten. Sie lernen hier aber nicht Formeln auswendig oder lösen Zahlenprobleme, nein, sie reden darüber, wie ihre Gedanken den Weg gehen, um eine Aufgabe zu beenden, ein Problem zu lösen oder einen Test zu bestehen. Sie werden ihre Ängste auf ein Stück Papier schreiben, wie z.B. „Ich werde es nicht schaffen an die Universität zu kommen“ und dann ergründen sie, warum diese Angst wahr oder falsch ist. Sehr schnell wird ihnen klar, dass ihre Gefühle kein angemessenes Spiegelbild der Wirklichkeit sind.

In immer mehr Klassenzimmern und Tutoring-Programmen gewinnt das Mindfulness Training mehr an Aufmerksamkeit und Zuspruch, um Jugendlichen ihre Angst vor bestimmten Schulfächern oder der Schule zu nehmen. Die Erfolge belegen, dass diese Techniken funktionieren. „Früher habe ich Tests und Klassenarbeiten sehr schnell hinter mich bringen wollen“, erzählt Deborah, ein 15-jähriges Mädchen, bevor sie vor zwei Jahren mit den Math Guru Sitzungen begann. Sie kam in eine neue neunte Klasse und kämpfte mit dem Unterrichtsstoff. Die Angst, die sie spürte, machte es ihr schwer, sich auf die Aufgaben zu konzentrieren.

Ihre Angst kam aber nicht wegen der Mathematik an sich, sondern wegen der Form, wie eine Arbeit von einem Lehrer zusammengestellt und kommuniziert wurde. Obwohl Deborah keine Dyskalkulie hat, bereiten ihr Mathematikaufgaben immer dann Schwierigkeiten, wenn z.B. das Schriftbild sehr klein, Inhalte nicht klar formuliert sind und Aufgaben keine Struktur aufweisen. Unterstützende farbliche Elemente helfen ihr beispielsweise sehr, um sich besser fokussieren zu können.

Arbeiten von Lehrern, die z.B. aus etlichen alten Fotokopien vergangener Jahre bestehen, können bei Jugendlichen Selbstzweifel hervorrufen, so die Math Guru Betreuerin Vanessa Vakharia.

Deborah sagt, dass es schwieriger ist ein Problem anzugehen, wenn alle deine Freundinnen und Mitschüler davon wissen. Hast du aber die Möglichkeit, an einem anderen Ort und in Ruhe über deine Denkweise zu sprechen, dann löst es den Knoten ganz schnell von alleine. Leute aus der Gruppe, die dir nicht so nahe stehen, zeigen dir eine andere Perspektive auf. Sie erzählen, wie sie Dinge lösen und Strategien entwickeln, um die Angst zu nehmen. Manchmal ist ein richtiges Zeitmanagement hilfreich.

Es sind nicht nur Eltern, Tutoren und Jugendliche, die den Wert des Mindfulness Trainings erkennen. Schulen in ganz Nordamerika praktizieren inzwischen Atemübungen, Meditation, Yoga und arbeiten kognitive Therapien in ihr Curriculum ein oder machen sie außerhalb des Klassenzimmers verfügbar. Genaue Zahlen über das Mindfulness Training sind schwer zu bekommen, doch ist es so populär geworden, dass Zehntausende von Studenten in den USA und Kanada lernen, wie man Mindfulness Training praktiziert. Mindfulness Training ist für alle Schulfächer und Schulformen geeignet. Gerade in der heutigen Komplexität des Lebens brauchen Jugendliche zunehmend diese Bewältigungsstrategien.

Fast ein Drittel der amerikanischen Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 18 Jahren zeigen medizinische Kriterien für eine Angststörung. Laut dem US National Institute of Mental Health haben fast 6 Prozent dieser Teenager eine schwere Angststörung. Und fast 80 Prozent der Kinder mit diagnostizierter Angststörung erhalten kein angemessene Behandlung.

Für einige Jugendliche kann Angst zu einer psychischen Erkrankung und schlimmstenfalls zum Selbstmord führen. Es gibt Städte in den Vereinigten Staaten – darunter Palo Alto, Kalifornien, im Herzen des Silicon Valley, Colorado Springs oder auch Massachusetts – in denen es Suizid-Cluster und Selbstmordversuche unter Jugendlichen gab, die vom Schulstress oder von ihrer akademischen Umgebung stark unter Druck standen. Und der Stress ist kein ausschließliches Phänomen einkommensstarker Städte wie Palo Alto mit Schulen hoher akademischer Ausbildung. Mindful Schulen konzentrieren sich besonders auf Studenten mit niedrigem Einkommen, weil diese in vielen Teilen des gesellschaftlichen Lebens benachteiligt sind.

Die Schulen im Vereinigten Königreich begannen bereits im Jahr 2007 Mindfulness Techniken in ihr allgemeines Curriculum zu schreiben. Seitdem hat sich das Mindfulness Training für Studenten so bewährt, dass die großen Bildungseinrichtungen wie U.C. San Diego, UCLA und die University of Massachusetts Medical School ganze Mindfulness Zentren erstellten und verschiedene Programme wie Mindful Schulen und MindUP Pädagogen in der Anwendung von Mindfulness Techniken trainieren.

Unter dem Begriff Mindfulness wird eine zunehmende Anzahl von Organisationen verstanden, die ihre potentiellen Vorteile erforschen. Aber für Gesundheitsexperten und ausgebildete Mindfulness Pädagogen ist die Definition spezifischer: „Mindfulness bedeutet Aufmerksamkeit mit der Absicht nicht zu richten, sondern zu akzeptieren, was in der Gegenwart passiert“, sagt Randye Semple, ein klinischer Psychologe und Professor an der Keck School of Medicine an der University of Southern California. „Wir sehen uns an, was immer erscheint – ob wir das mögen oder nicht, wir sehen es nur an. Mindfulness ist nur ein Aufmerksamkeitstraining.“

„Das Üben von Mindfulness erfordert, das Sie in der Gegenwart bleiben, anstatt in der Vergangenheit zu verweilen oder zu fantasieren oder sich Sorgen um die Zukunft zu machen“, sagt Dr. Amy Saltzman, ein Arzt in Kalifornien, der Kinder in Mindfulness lehrt. „Das fokussiert Ihre Aufmerksamkeit und macht es einfacher, gute Entscheidungen, basierend auf dem was tatsächlich vor Ihnen liegt, zu treffen.“

„Wir reden viel darüber, bleiben anwesend, sind präsent. Aber ich glaube nicht, dass wir darüber reden, was das eigentlich bedeutet“, sagt Vakharia. „Es bedeutet, dass man die Gedanken in seinem Kopf vom wirklichen Leben trennen kann und was eigentlich gerade passiert.“

Beim Math Guru beginnen die Kinder zu verstehen, was hinter ihren Gefühlen der Angst steckt. Ein Teil ihrer Arbeit beinhaltet die Einführung in die Techniken, die ihnen helfen können, Stress während eines Examen oder einer Aufgabe zu bewältigen: Atemübungen zum Beispiel, und das Verstehen, warum Angst die Kontrolle übernimmt. Wenn Studenten sich selbst überlassen bleiben, können innere Gedanken zu antizipatorischer Angst führen, wenn sie sich vorstellen, dass schlechte Dinge in der Zukunft passieren könnten – zum Beispiel, wenn ein Teenager sich vorstellt versagen zu können, den Kurs verhaut und nicht zur Hochschule aufgenommen wird. Plötzlich sind sie blockiert, achten nicht mehr auf die Fragen, die vor ihnen liegen und sind in einer Welt des Schreckens mit düsterer Zukunft verloren. „Deshalb ist das erste Symptom der Angst die Unaufmerksamkeit“, sagt Semple. „Unsere Köpfe können nur so viel Aufmerksamkeit verarbeiten, so dass der Fokus auf Dinge, die in der Zukunft passieren könnten (nicht zur Hochschule aufgenommen werden), den Fokus dessen, was in der Gegenwart passiert (den Test machen), überholen.“

Die Fähigkeiten, die Deborah beim Math Guru gelernt hat, helfen nicht nur bei ihrer Schularbeit, sondern sie denkt darüber nach, wie sie überhaupt Probleme lösen kann. Sie kann alles auch auf ihren Alltag anwenden. Wer schon im jungen Alter diese Techniken lernt, hat es später bedeutend leichter als andere. Das scheinen Studien zu belegen, in der jüngere Jugendliche lernten ihre Angst zu bewältigen. Spätere, weitaus ernstere Probleme werden sogar vermieden.

„Jungs haben ihre ganz eigenen Herausforderungen mit ihrer Angst umzugehen“, sagt Vakharia. Sie zögern erst und wollen nicht zugeben, bis sie schließlich die Erfahrung machten. Für Jungs schickt es sich nicht vor ihren Freunden schwach zu erscheinen. Auch wenn Mädchen mit Gefühlen besser umgehen können, so schützt sie ihr Angstgefühl nicht vor negativen Auswirkungen. „Es gibt tatsächlich eine geschlechtsspezifische Kluft“, sagt Vakharia. „Mädchen geht es darum, ihr geringes Vertrauen zu bekämpfen. Sie handeln fast so, wie man es von ihnen erwartet, weshalb sie schon für Angst anfällig sind. Getreu dem Motto „Blond und blöd“ oder „Mädchen und Technik geht gar nicht“.

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Thorsten Wollenhöfer

Autor & Dozent bei SOCIALMEDIALERNEN.com
Betrieblicher Ausbilder (IHK)
Lehrkräftefortbilder (HLbG)
Spezialist für Strategisches Internet Marketing (SIM)
Zertifizierter Multiplikator für Elternschulungen des Hessischen Kultusministeriums
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