Schulen sind die Kommunikation schuldig

Schulen sind die Kommunikation schuldig

Wer die Bildungskommunikation verschläft, gefährdet die Demokratie.

Wer kennt sie nicht, die nationalen und internationalen Bildungsvergleichsstudien der Schulen? Ob man sie nun PISA-Studie, IQB-Ländervergleich, TIMSS oder IGLU nennt, bleibt unerheblich. Kennzeichnend sind die verfolgten Vergleichsfächer unter Schülern. Das heutige Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen, kurz IQB, das aus der Kultusministerkonferenz im Jahr 1997 hervorging, lässt Erträge des deutschen Schulsystems im Rahmen wissenschaftlicher Untersuchungen international vergleichen.

Als Bildungsstandards in Deutschland gelten seit 2003 die Fächer Deutsch, Mathematik und eine erste Fremdsprache (Englisch bzw. Französisch) für den Mittleren Bildungsabschluss. Im Oktober 2004 folgten für den Hauptschulabschluss die Fächer Deutsch, Mathematik und die erste Fremdsprache, sowie im Primarbereich Deutsch und Mathematik. Im Dezember 2004 wurden zudem für den Mittleren Bildungsabschluss die naturwissenschaftlichen Fächer Biologie, Physik und Chemie verabschiedet. Und am 18.10.2012 wurden für die Allgemeine Hochschulreife die Bildungsstandards in den Fächern Deutsch, Mathematik und eine erste Fremdsprache (Englisch bzw. Französisch) beschlossen. Quelle: Bildungsstandards IQB

In den Jahren von 2004 bis 2015, also in jener Zeit, in der die Entwicklung einer hoch vernetzten globalen Welt stattfand, gelang es dem staatlichen Bildungssystem nicht, Schulen auf die Wichtigkeit der Kommunikation vorzubereiten und zu trainieren. Bis heute existieren in Schulen keine Lehrkräfte, die über eine qualifizierte Ausbildung verfügen, um Medienvernetzung aufzuzeigen, zu gestalten und zu unterrichten. Zwar haben Schulen eine Internetseite, günstigstenfalls sogar ein Forum, doch gibt es keine schulische Kommunikationsform, die man als „soziales Netzwerk“ bezeichnen könnte, um z.B. gesellschaftliche oder sprachliche Entwicklung, analog Facebook, WhatsApp, Twitter, Google+ und weitere, aufzuzeigen und auch weiter zu entwickeln. Vielmehr werden bestehende ausländische Netzwerke von Lehrkräften und Schülern vereinzelt benutzt, um sich im Learning-by-doing Kenntnisse anzueignen. Kein Bundesland führt in seinen Lehrplänen die „Vernetzte Kommunikation“.

Weil Schulen den Beschlüssen der Kultusministerkonferenz unterliegen, verweigern sie wissentlich das selbstständige Denken. Entziehen können sich Schulen der Problematik des Netzwerkens aber nicht, weil sie mit den Schwierigkeiten täglich konfrontiert werden. Alle Versuche, mobile Netzwerknutzung durch Schüler zu unterbinden, schlugen fehl.

Müssen Lehrer und Schüler sich selbst Kenntnisse aneignen und dabei auf die großen Netzwerkdienste (Facebook, WhatsApp, Twitter usw.) ausweichen, dann begünstigen Schulen den Datenmissbrauch eines jeden einzelnen. Schulen bieten ihnen nämlich keine Alternativen und verhindern dazu die Nutzung im Unterricht; d.h. eine mögliche Aufklärung über Gefahren wird unterbunden. Man kann sogar noch einen Schritt weitergehen und darlegen, dass Schulen die Informationsgestaltung und -freiheit sabotieren. Passiert es nämlich, dass ausschließlich eine handvoll amerikanischer Netzwerkanbieter die Weltbevölkerung verbinden, dann ist diese Machtstellung vergleichbar mit den Großanbietern von Energieriesen, die über Jahrzehnte die Versorgung der Haushalte bestimmten. Die vermeintlich gewonnene Freiheit entpuppt sich als ein großes Gefängnis.

Was passieren kann, wenn man sich auf große Netzwerkanbieter verlässt, dass mussten die gut 38 Millionen WhatsApp-Nutzer in Brasilien erst im Dezember des vergangenen Jahres erfahren. Am 17.12. wurde WhatsApp in ganz Brasilien, aufgrund richterlicher Anordnung, für 48 Stunden blockiert. Etwa 100 Millionen Menschen, also gut 1/10 aller WhatsApp-Nutzer, konnten nicht mehr kommunizieren. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit wurde dadurch massiv beeinträchtigt. Das Ausweichen auf andere Anbieter erfolgte nicht in der Geschwindigkeit und Masse, wie es angebracht gewesen wäre.

Der Sperre durch richterliche Anordnung ging eine brasilianische Gesetzgebung im Frühjahr 2014 voraus. Weil die amtierende Staatspräsidentin Dilma Rousseff selbst Opfer der NSA-Spähattacken wurde, beschloss sie ein Gesetz zum Schutze des Verbrauchers im Internet zu erwirken. Ein wegweisendes Gesetz, das weltweit großen Zuspruch erhielt. Die brasilianische Regierung musste über Jahre zusehen, wie sich kriminelle Kommunikation in Brasilien vom klassischen SMS-Versand auf datenbasierte Kommunikationsanbieter (vorwiegend WhatsApp) verlagerte. Die Vorratsdatenspeicherung durch die Telefongesellschaft wurde dadurch ausgehebelt. Schon mehrfach versuchten die Unternehmen in Brasilien WhatsApp zu stoppen, weil sie sich ungleich behandelt fühlten, konnten sich aber nicht erfolgreich durchsetzen. Stets spekulierte man über die wahren Gründe der bewirkten WhatsApp-Blockade, die am 30. Dezember 2015 aufgedeckt wurden. Während die brasilianischen Mobilfunkanbieter argumentierten, dass durch die Telefonmöglichkeit via WhatsApp (VoIP=Voice over IP) die eigenen Dienste obsolet würden, erfolgte die Blockade, weil Drogenhändler WhatsApp für kriminelle Aktivitäten nützten und WhatsApp nicht zur Aufklärung beitrug.

Die Abschaltung eines großes Netzwerkes, und sei es nur temporär, zeigt, dass Massenkommunikation jederzeit unterbunden werden kann. Fehlen Alternativen zur Informationsverbreitung, ist Manipulation, gleich welcher Art, bedrohlicher denn je. Sind Kommunikationsstrukturen aber dezentral angelegt, so wie das Internet in den 60er Jahren geschaffen wurde, dann bleiben Informationskanäle offen. Je größer und breiter diese Informationskanäle angelegt sind, umso wirkungsvoller kann Demokratie erhalten bleiben. Schulen müssten allein aus Eigeninteresse Kanäle schaffen, die Vernetzung fördern und für eine breite Aufklärung sorgen. Wer dies unterlässt, untergräbt nicht nur die Demokratie, sondern macht sich der Manipulation mitschuldig.

Titelfoto: Danksagung an geralt (pixabay.com)

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Thorsten Wollenhöfer

Autor & Dozent bei SOCIALMEDIALERNEN.com
Betrieblicher Ausbilder (IHK)
Lehrkräftefortbilder (HLbG)
Spezialist für Strategisches Internet Marketing (SIM)
Zertifizierter Multiplikator für Elternschulungen des Hessischen Kultusministeriums
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1 Kommentar auf "Schulen sind die Kommunikation schuldig"

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Eduard
Gast

Ich war für meine Schüler und Eltern der Schüler immer erreichbar, jeder hatte meine Telefonnummer, und ich wurde weder belästigt noch hingen erhielt ich Drohungen. Es war immer eine offene Kommunikation und ich erhielt nur Anrufe, wenn sie wirklich wichtig waren.
Ich habe es aber auch anders erlebt: Kollegen schotteten sich ab, die Kontaktadressen wurden verweigert, das Schultelefon nicht abgehoben, nicht zurückgerufen, wochenlang nicht auf Mitteilungen der Eltern reagiert. Die Beziehungen Eltern – Lehrer waren verheerend!

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