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Das deutsche Schulsystem wird nicht überleben

Das deutsche Schulsystem wird nicht überleben

90% von dem, was Schule lehrt, ist Zeitverschwendung

„Wir befinden uns in jener Zeit, in der wir die größte Erweiterung unserer Ausdrucksmöglichkeiten in der Geschichte der Menschheit leben und erleben“, so stellte es Clay Shirky in einem Beitrag des Wall Street Journals fest, und zwar im Jahr 2010. Provozierend schrieb er, das inmitten der albernen Videos und des Spams die Wurzeln einer neuen Lese- und Schreibkultur sich befinden.

Unsere Welt, in der wir leben, ist nicht länger vom passivem Informationsfluss geprägt, so wie es Jahrzehnte Radio und Fernsehen es vormachten. Stattdessen leben wir heute in multidirektionalen Gesprächsräumen, in denen 12-jährige ein Publikum erreichen können, das zuvor großen Medienunternehmen, Konzernen und Regierungen vorbehalten war. Jeder von uns kann eine Stimme haben, jeder kann sein eigener Verleger sein. Es ist möglich, Ideen und Gedanken anderer zu entdecken, sie zu teilen, daran mitzuarbeiten und ein gemeinsames Handeln auszuüben. Zeit, Geschichte und Ort stellen für die Kommunikation und das Zusammenwirken kein Hindernis mehr da.

In dieser neuen Informationslandschaft sind dominante Institutionen gezwungen, alle bisherigen Annahmen neu zu überdenken. Dazu ein Beispiel: Schulbuchverlage, die vorwiegend im Printbereich zu finden waren und über den Postweg mit Schulämtern und Schulen kommunizierten, befinden sich nun im Kampf mit kleineren und wendigeren Verlagen, die sich gänzlich neu aufstellten und mit Lehrpersonen direkt kommunizierten. Der Blick auf das „Großabnehmerkreuz Schule“ vernebelt zunehmend die eigenen Distributionsmöglichkeiten. Das durch Schulbuchverlage vorgegebene Lernen und nutzen von Materialen schwindet zusehnst. Lehrkräfte greifen selbst in ihre individuellen Unterrichtsvorbereitungen ein und wollen sich nicht länger bevormunden lassen. Da helfen auch Lehrplanvorgaben durch die Kultusministerien nicht, wenn diese meistens nur noch als Rahmen angesehen werden. Schulen entscheiden selbst und lassen den Lehrern immer mehr Freiheiten. Und weil Digitales schneller und kostengünstiger verfügbar ist, jüngere Lehrkräfte sich leichter in digitalen Welten zurecht finden, so verwundert es nicht, wenn Bildungsdampfer Mühe haben, sich zu wandeln. Die Menschen sind immer mehr online und konsumieren benutzergenerierte Inhalte, dazu Informationskanäle mit denen sie lernen und solche, die sie unterhalten. Unsere gesamte Informationslandschaft, die eigentlich durch Schulen gelehrt werden müsste, hat sich unwiderruflich verändert.

Wir alle sind Zeugen einer dynamischen und sehr unterschiedlichen Weltwirtschaft geworden. Das rasante Wachstum des Internets mit all seinen Facetten und Kommunikationsmöglichkeiten, hat in der entwickelten Welt z.B. die Verlagerung der Arbeitsplätze von den Firmen auf das Home-Office zur Folge gehabt. Etwas, was bei Lehrkräften schon immer vorhanden war, weil der Schulbildungssektor keine Räumlichkeiten zur Verfügung stellen konnte. Die Heimarbeit stellte für Lehrer sogar einen besonderen Vorteil dar, weil der Korridor zur Umstellung fehlte.

Produkt- und Dienstleistungsnischen haben in der zuvor von Monopolen beherrschten Welt eine leichtere Rolle zugeteilt bekommen, weil Suchmaschinen eine umfangreiche Informationsfülle bereitstellen. Mikro-, Kleinserien- und On-Demand-Herstellungstechniken ermöglichen zum Beispiel individuelle und kundenspezifische Auftragsfertigungen. Dazu braucht man Geschick, High-Tech, breit aufgestellte Bildung und weniger ein zweites Diplom.

Das gering qualifizierte Industriesystem, dass das Rückrat der Volkswirtschaften in der entwickelten Welt darstellte und das heutige Schulsystem dafür Menschen ausbildete, gehört für immer der Erinnerung an. Arbeiten, sei es Handwerkskunst oder Wissenschaften, die ortsunabhängig erledigt werden können, orientieren sich an der Geschwindigkeit der Internetverbindung, der Nachfrage und den Kommunikationsmöglichkeiten. Die Werkzeuge, die dafür benötigt werden, müssen bedient und verstanden werden können. Etwas, was früher als Großauftrag vergeben wurde, wird in den kommenden zwanzig Jahren in viele Einzelteile und Arbeiten aufgeteilt und erledigt werden können. Hochbezahlte Jobs werden weniger, weil deren Tätigkeiten durch weniger Qualifizierte, unter Zuhilfenahme von Softwareunterstützung erleichtert wird. Weil die Dienstleistungsberufe den industriellen Berufen zahlenmäßig überlegen sind, werden die Auswirkungen signifikant sein.

Nimmt man die Steuerberater als Beispiel, um die bereits eingetretenen beruflichen Veränderungen aufzuzeigen, so werden sich diese zunehmend spezialisieren müssen, weil die Masse an Steuerfällen schon durch Steuersoftware erledigt werden kann. Der Beruf des Steuerberaters ist kein klassischer Zukunftsberuf mehr.

Natürlich werden Arbeitsplätze wegfallen, weil sie künftig von Software übernommen werden. Es werden aber viele neue Arbeitsplätze entstehen. Ob diese dann zu besetzen sein werden, hängt maßgeblich von der schulischen Ausbildung ab. Bisher ging die Schulbildung davon aus, gut vorbereitet zu sein. Nur leider sind die Menschen viel leichter ersetzbarer geworden, als ursprünglich angenommen. Das ist ein Ergebnis für falsches Ausbilden. Man muss sich nur die reiferen Lehrkräfte in Deutschland ansehen, wie sie ermüdend mit Emails, sozialen Netzwerken, Softwareinstallationen, Gerätebedienungen und dem infrastrukturellem Chaos in Schulen kämpfen und letztlich aufgeben. Daraus entsteht eine Verweigerungshaltung, die Bildung blockiert. Die Bedeutung einer radikalen Veränderung in der Bildungsstruktur ist sichtbarer als früher, so dass Schule sich neu aufstellen muss. Tut sie es nicht, wird sie sterben. Schulen, die ein gänzlich anderes System anbieten und die Zukunft im Fokus haben, werden sich vor Schülern kaum retten können.

Schüler, Studenten, Ausbilder und Lehrer haben heute Zugriff zu allen Informationen ihrer Lehrbücher und dazu eine Fülle von Grundlagen, überwiegend kostenlos. Dazu haben sie Zugriff auf robuste, kostengünstige und oft multimediale interaktive Lernressourcen (Texte, Bilder, Audio, Video, Spiele, Simulationen), die man ergänzen, verlängern oder sogar ersetzen kann. Dass, was man in Klassenzimmern unterrichten wird, wird individuell bestimmt werden können. Durch internetbasierte Werkzeuge wird man mit anderen Menschen über Blogs, Wikis, Videokonferenzen und soziale Netzwerke zusammenarbeiten. Sie lernen von und mit anderen Schülern, Studenten, Lehrern in anderen Städten und Ländern. Dazu werden sie mit Autoren, Künstlern, Geschäftsleuten, Unternehmern, Ärzten, Handwerkern, Professoren und anderen Experten sich direkt austauschen können.

Die eigenen Erfahrungen und das eigene Wissen wird man auf der ganzen Welt teilen, man bildet Gemeinschaften unterschiedlichster Art an jedem Ort und zu jeder Zeit. Kritiker mögen anmerken, dass das heute doch schon der Fall sei und nichts Neues darstelle, doch stehen wir erst am Anfang. Noch lange haben wir nicht verinnerlicht, was es heißt, überall das zu lernen, was wir lernen wollen, weil wir ausgebremst werden. Die angeborene und uns geraubte Kreativität will man uns nicht freiwillig zurückgeben. Denn Kreativität bedeutet vor allem Freiheit in unseren Köpfen. Wer soll denn künftig den Regierungen vertrauen, Kriege führen und die Umwelt zerstören, wenn wir selbst erkennen, dass die Manipulation in unseren Köpfen uns widerstrebt und wir selbst bestimmen wollen?

Ja, es ist alles schwer zu verstehen, was um uns herum passiert. Und wir fühlen uns als Getriebene. Das Zepter liegt nicht in der eigenen Hand, obwohl es das sein müsste, um selbstbestimmtes Lernen zu forcieren. Das Consortium for School Networking merkte an, das „pädagogische Denkweisen und Schulkulturen sich nicht am Lernen des 21. Jahrhunderts orientieren“.

Alle großen Erfindungen, alle großen Werke sind das Resultat einer Befreiung, der Befreiung von der Routine des Denkens und des Tuns. (Arthur Koestler)

Ein Blick in die heutigen Computerumgebungen in Schulen offenbart den Frust. Obwohl wir uns damit brüsten, hohes Bildungsniveau zu praktizieren, haben wir Technik des 20. Jahrhunderts implantiert. Selbst unzählige Whiteboards sind veraltet und bilden nicht den Nutzen und die Effektivität ab, die benötigt würde. Es braucht nur einer jeder selbst mal in Schulen hospitieren, um ein Gefühl für das Lernen und Lehren zu bekommen. Schüler erhalten passive Informationen des Lehrers, aus dem Lehrbuch, des Internets oder einer Software und geben dann eine Rückmeldung an, die im Ergebnis als „erfolgreiches“ Lernen markiert wurde. Dabei werden jedoch niedrigste Fakten und Prozeduren abgefragt. Solche Modelle lassen weder freies Denken zu, noch fördern sie die Vorbereitung auf komplexe Anforderungen für eine Informations- bzw. wissenschaftliche Landschaft, die real existiert. Bedauerlicherweise glauben Schulen, sie seien gegen jede Veränderung immun und würden grundsätzlich keine Fehler machen.

Wollen wir aber unsere Kinder auf das Leben und den Erfolg im Beruf vorbereiten, brauchen wir Schulen, die anders sind. Wenn wirtschaftliche Erfolg „weg von routinierter kognitiver Arbeit“ bedeutet, dann müssen sich Schulen auch in diese Richtung bewegen. Sind außerschulische Möglichkeiten für Schüler oftmals reicher und intensiver als das, was man in der formalen Bildung vorfindet, dann ist es für Schulen höchste Zeit aufzuholen. Natürlich sind diese Veränderungen unglaublich komplex und die Herausforderungen gewaltig. Den Schulen muss es Gelingen, dass Lernen und Lehren neu zu erfinden. Und das durchaus im Gegensatz zu den Stimmen und Denkweisen, wie Eltern glauben, dass Schule aussehen müsste. Schulen sollten sich an den Bedürfnissen der Schüler, die sie auf das Leben vorbereiten, orientieren und die Vielfältigkeit des eigenen Ichs herausarbeiten.

Stop Steeling Dreams (Free Printable Edition)
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Ja, Schule hat viele Aufgaben und alle sind sie wichtig. Doch ist die Kluft zwischen Schule und Gesellschaft so gewaltig, dass diese Lücke die wichtigste pädagogische Arbeit darstellt. Es gibt eine moralische Verpflichtung aller Bildungs- und Entscheidungsträger diese Herausforderung anzunehmen.

Credits to Scott McLeod (Author Dangerously Irrelevant), Ken Robinson (TED Author, Educator), David Perkins (Professor, Harvard Graduate School of Education) Titelfoto: Entworfen durch Freepik

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Thorsten Wollenhöfer

Autor & Dozent bei SOCIALMEDIALERNEN.com
Betrieblicher Ausbilder (IHK)
Lehrkräftefortbilder (HLbG)
Spezialist für Strategisches Internet Marketing (SIM)
Zertifizierter Multiplikator für Elternschulungen des Hessischen Kultusministeriums
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3 Kommentare auf "Das deutsche Schulsystem wird nicht überleben"

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Anne
Gast

Hallo,
ich sehe es ähnlich wie in diesem Artikel geschrieben. Nicht so radikal, weil ich denke, dass unser System natürlich Veränderung braucht, doch es nicht so schnell gehen wird. Ich ärgere mich schon lange über unsere Gesamtschule. Die Kommunikation zu den Lehrern ist sehr schwer. Aus Datenschutzgründen dürfen wir Lehrer nur per Email kontaktieren. Leider dürfen wir sie nicht anrufen und man bekommt keine Telefonnummer. Wie soll so Verständigung funktionieren, wenn Lehrer sich abschotten? Langfristig funktioniert das bestimmt nicht. Ich gebe aber zu, dass ich keine richtige Lösung weiß.

Grüße aus Potsdam

Anja Schmidt
Mitglied

Zwar sehe ich nicht alles ganz so dramatisch, doch bilden Sie den Kern sehr gut ab. Die beiden Videos passen dazu ideal, auch wenn mein Englisch nicht so gut ist. Dank der deutschen Untertitel aber gut zu verstehen.

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[…] Keine Bildungsreform brachte die Kreativität den Kindern zurück, sondern zerstörte sie weiter. 90% von dem was Schule lehrt ist Zeitverschwendung.  […]

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