80 Tage ohne Facebook

80 Tage ohne Facebook

Es ist der gnadenlose Selbsttest – 80 Tage ohne Facebook.
Der Mut, sich wieder seines eigenen Verstandes zu bedienen.

Es gibt bereits viele Studien zu und über die Nutzung von Facebook. Mit nun fast 1,6 Milliarden monatlichen Nutzern weltweit ist Facebook schon lange nicht mehr nur ein soziales Netzwerk, sondern zugleich Nachrichtenportal, Terminplaner und auch Schaufenster für alle Anliegen geworden. Selbst die Mainstream-Medien berufen sich täglich auf Stimmungsbilder in den sozialen Netzwerken, wobei sie meistens Facebook und Twitter meinen.

Grund genug für den Autor den Selbsttest zu wagen und sich nicht nur für eine Woche aus Facebook auszuklinken, sondern gleich ganze 80 Tage auf dieses Portal zu verzichten.

Zahlreiche Fragen beschäftigten ihn im Vorfeld, wie z.B.

  1. Könnte es eine Welt ohne Facebook geben?
  2. Wird man der Versuchung widerstehen können, wenn die Facebook-Applikation sich regelmäßig meldet?
  3. Werden die vielen hundert Facebook-Freunde einen vermissen?
  4. Was wird sich im täglichen realen Leben ändern, wenn überhaupt?
  5. Bin ich vielleicht sogar schon facebooksüchtig geworden und habe es nur nicht bemerkt?
  6. Wird die Familie eine Veränderung feststellen, wenn ja, wie wird sie reagieren?
  7. Was wird einem fehlen?

Die Vorbereitungen des Selbsttests vielen erstaunlich gering aus. Klar für den Autor war, dass er weder über sein Smartphone, noch über seinen Rechner Facebook werde aktiv nutzen dürfen. Auch seine eigenen Nachrichten- und Bildungsportale müssten ruhen, weil diese eine automatische Verknüpfung mit Facebook aufwiesen. Schnell wäre man für einen Selbsttest entlarvt worden. Also keine Recherchen, Kommentierungen und Beiträge auf Facebook durchführen – einfach nichts von alledem. Auch der Facebook-Messenger-Dienst durfte nicht benutzt werden.

Jetzt hieß es für den Autor, ab sofort werden weder Facebook-Anfragen oder -Meldungen beachtet noch beantwortet. Der Selbsttest beinhaltete die zusätzliche Schwierigkeit, dass Meldungen weiterhin auf das Smartphone eingehen durften. Täglich summierte sich die weiße Nachrichtenzahl auf rotem Hintergrund der Facebook-Applikation seines Handys und gleichzeitig gingen postalische Email-Benachrichtigungen in Outlook ein. Die Verlockung, doch mal schnell einen Blick auf das ein oder andere Geschehen zu werfen, war also groß.

Die Idee zum Selbsttest des Autors kam, als sein Sohn das Smartphone, während einer Südatlantik-Überquerung, versenkte. Gut, es war eine sehr kleine Überquerung mit einem Standup-Paddle im Traumparadies Angra dos Reis, etwa 170 km südlich von Rio de Janeiro, während er seine Freundin treffen wollte. Und zugegeben, als Vater dachte er sich, den Schmerz seines Sohnes vielleicht dadurch etwas lindern zu können, wenn er sich solidarisch zeige. Der Jugend fällt es nämlich viel schwerer, auf mobile Kommunikation zu verzichten. Besonders in Brasilien ist das mobile Leben in den letzten Jahren explodiert. Mit 650 Stunden pro Monat in sozialen Netzwerken ist der Brasilianer Spitzenreiter mobiler Kommunikation geworden.

Der erste Tag ohne Facebook fühlte sich für den Autor jetzt nicht ungewöhnlich anders an als vorher. Vielleicht, weil die letzte Facebook-Nutzung noch recht frisch war. Der Tag erfüllte seinen Ablauf, wie sonst auch. Aufstehen, Frühstück vorbereiten, Duschen, Emails kontrollieren, Telefonieren, Termine absprechen, Mittagessen vorbereiten usw. War man außerhalb des Hauses unterwegs, so war das Smartphone ständiger Begleiter. Der Sohn des Autors, der ohne Handy nun auskommen musste, wirkte stellenweise sehr gereizt, nervös und aggressiv. „Ich brauche ein Handy, sofort“ oder „Ich muss mich mit meinen Freunden absprechen, total wichtig“, waren Argumente, weshalb er ohne Handy nicht mehr sein konnte. Für die Eltern das falsche Signal, jetzt nachzugeben und ein Ersatz-Handy zu besorgen. Wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass man ihm anfangs das mütterliche Handy kurzzeitig überließ, um Termine zu koordinieren.

Könnte es eine Welt ohne Facebook geben?

Die erste Woche verging und durch die viele Abwechslung, die der Autor erfuhr, fiel ihm ein Facebook-Verlust weniger schwer. Auch sein Sohn beruhigte sich von Tag zu Tag in kleinen Schritten. Die Eltern waren bestrebt, ihm Alternativen des Zeitvertreibs neben der Schule aufzuzeigen, was sich nicht immer als ganz leicht erwies.

Facebook war für den Autor bisher ein wichtiges Werkzeug der Recherche in vielen Belangen gewesen. Besonders die Informationsmenge an alternativen Nachrichtenmeldungen gefielen ihm. Doch wusste er auch, dass neben Facebook etliche andere Ströme existierten, wie z.B. Fernsehen, Radio, Tageszeitung, Nachrichten-Applikationen und vieles mehr.

An sich fehlte es dem Autor an nichts, so das Facebook nicht benötigt wurde. Die Emailübermittlung funktionierte, WhatsApp ermöglichte den schnellen Austausch von Bildern und Kurzmitteilungen innerhalb der Familie und die Interaktionen über eigene Kundennetzwerke sicherte die Kommunikation dort ab. Die tägliche Arbeit wurde nicht beeinträchtigt und die Familie nutzte Facebook als Gesprächsform schon in der Vergangenheit nicht. Das ständige Anpingen der Facebook-Applikation auf dem Handy nervte nur solange, bis der Ton dazu abgestellt wurde, die täglich steigende Nachrichtenzahl des Facebook-Icons übersah man zunehmend. Und da das Handy während der Schlafphase grundsätzlich keinen Pieps von sich gab, spürte man die Penetranz von Facebook schon mal nicht.

Wird man der Versuchung widerstehen können, wenn die Facebook-Applikation sich regelmäßig meldet?

So ist auch diese Frage schnell beantwortet, weil das Smartphone einem die Möglichkeit bot, sich auszuklinken. Es ist richtig, dass man die Applikation vom Handy auch hätte löschen können bzw. man sich nur hätte ausloggen müssen. So wäre der Schwierigkeitsgrad für den Autor aber ein geringerer gewesen und die Versuchung, doch mal schnell bei Facebook reinzuschauen, weniger gegeben. Aber genau das wollte er für sich erfahren. Vielleicht fiel es dem Autor leichter zu widerstehen, weil er sich psychisch dadurch gestärkt fühlte, als er vor 15 Jahren – von einem Tag auf den anderen – das Rauchen beendete. Sein Sohn, der sich in den ersten drei Wochen zeitweise das Handy der Mutter lieh, senkte sein Kommunikationsverlangen dadurch, als er seine Freizeitaktivitäten durch Klettern, Radfahren und Surfen intensivierte.

Werden die vielen hundert Facebook-Freunde einen vermissen?

Diese Frage konnte während der 90 Tage Testzeit nicht beantwortet werden. Wer Facebook-Freunde hat, besonders dann, wenn es viele Hunderte oder Tausende sind, der weiß, dass man diese nicht pflegen kann. Es ist unmöglich eine Persönlichkeit in dieser Größe aufrechtzuerhalten, allein schon aus Zeitgründen. Facebook-Kontakte sind für einen einfachen und schnellen Informationsaustausch gut. Man kann natürlich in Facebook auch seine sehr persönlichen Privatfreundschaften markieren und sich seinen engen Personenkreis wählen, doch das würde Facebook in die Lage versetzen, noch mehr über den Autor zu erfahren, als es bereits weiß. Diesen Gefallen machte der Autor Facebook daher nicht.

Wurde nun der Autor von seinen Facebook-Freunden vermisst? Nein!

Wer einen wirklich sehr vermisste, war Facebook selbst. Weil die Facebook-Applikation nicht mehr genutzt wurde, bombardierte Facebook einen mit Emails. In diesen Emails erfuhr er, welche seiner „Freunde“ was, wann, wie aktualisierte, zu Veranstaltungen einlud und wen man vielleicht noch alles kennen könnte. Gut es gab auch Kontakte, die einem eine persönliche Nachricht schrieben, doch alles sehr verhalten. Von „Vermissen“ kann also keine Rede sein. Die persönliche Kommunikation des Autors war aber auch schon in der Vergangenheit in Facebook nicht von Übermaß geprägt. Dass, was sich aber intensivierte, war der Kontakt des Autors nach außen. Er hatte mehr Lust bekommen, sich mit anderen Menschen real zu treffen, verweilte mit ihnen länger und führte intensivere Gespräche. Ob das jetzt mit dem bewussten Verzicht auf Facebook zu tun hat, kann er nicht sagen, doch scheint der Umstand einen beflügelt zu haben, dass der Autor und sein Sohn wussten, kein Facebook zu haben. Sie wollten sich anders beschäftigen und das funktionierte sehr gut.

Was wird sich im täglichen realen Leben ändern, wenn überhaupt?

Das Bewusstsein wurde grundsätzlich gestärkt, d.h. temporär etwas gezielt zu tun, animierte den Autor über sein Verhalten intensiver nachzudenken. Er spürte, dass man nicht alles mitmache müsse, man tatsächlich Facebook entbehren kann, ohne einen Entzug zu spüren. Sein Sohn, der nun schon seit sieben Wochen kein Handy mehr besaß, glaubte anfangs, dass er bei seinen Schulkameraden weniger ankommen würde. Es ist richtig, dass er der Kommunikation seiner Klassenkameraden nicht mehr folgen konnte wie vorher. Doch entwickelte er eine persönlichere Beziehung zu seinen Mitschülern, besonders zu den brasilianischen Mädchen. Auch Zuhause sank seine Aggressivität gegen seine Eltern, zu seinen Geschwistern nicht immer, doch wurde allgemein mehr gelacht. Kein Handy oder Facebook zu haben bedeutet nicht, dass man von der Außenwelt abgeschottet ist. Vielmehr trägt ein Verzicht zu einer Art Entspannung bei.

Ja, es hat sich einiges verändert. Mehr Ruhe, mehr Wahrnehmung, mehr Gedanken – einfach mehr Persönlichkeit. Eine stärkere Wertigkeit, die im Umgang mit anderen Menschen sich positiv zeigte. Man könnte sagen, dass eine Freundlichkeit dem Autor leichter über die Lippen ging, vielleicht auch deshalb, weil er weniger von der Aggressivität in Facebook las und sich nicht davon hatte anstecken lassen können.

Bin ich vielleicht sogar schon facebooksüchtig geworden und habe es nur nicht bemerkt?

Die Frage stellte sich der Autor mehrfach, wobei er „Sucht“ für sich nicht definierte. Süchtig im Sinne von alkoholabhängig sah er sich nicht, weder vorher noch hinterher. Er hatte eine intensive Nutzungsphase mit Facebook und wird Facebook auch immer mal wieder nutzen. Er weiß aber auch, dass er sich gezielt aus dem Netzwerk zurückziehen kann, ohne Angst etwas verpassen zu müssen. Für ihn besteht die Faszination in Facebook darin, dass ein globales Netzwerk wie Facebook überhaupt möglich wurde und viele Menschen sich diesem Portal hingezogen fühlen und bereit sind, sich teilweise blind zu fügen.

Wird die Familie eine Veränderung feststellen, wenn ja, wie wird sie reagieren?

Tage, die unter der Woche von Regelmäßigkeiten geprägt waren, jeder eine Aufgabe wahrnahm, um den Ablauf des privaten und gesellschaftlichen Lebens aufrecht zu erhalten, der bemerkte nicht unbedingt gleich, wenn etwas anders war. In der Familie sprach der Autor wenig bis gar nicht über sein Vorhaben. Auch gegenüber seinem Sohn erwähnte er das nicht. Es fielen von ihm eher mal Sätze wie „Heute beschäftige ich mich nicht mit Facebook, ich habe Lust auf Strand“ oder „Was könnte man aus den Eier-Umverpackungen Nützliches für den Haushalt gestalten“, um von Facebook bewusst wegzuführen. Alles sollte möglichst normal wirken und ohne familiäre Einflüsse sein.

Und ja, die Familie registrierte, dass die Gemeinsamkeit wuchs; sowohl beim Autor, als auch beim Sohn. Die Reduzierung der Ablenkung durch audio-visuelle Ströme der Geräte und Applikationen führte zu weniger Gereiztheit der Personen, was die Stimmung in der Familie zusehends positiv steigerte. Die teilweise sehr solitär geführte Kommunikation mit einem Smartphone brach auf. Die Aufmerksamkeit für den anderen, oder besser gesagt die Empathie, erhielt eine neue Blüte.

Was wird einem fehlen?

Mit Sicherheit Facebook deutlich weniger! Der Autor entdeckte wieder, dass alles nur gut ist, wenn man es maßvoll betreibt. Facebook hatte und hat für ihn viele Vorzüge, doch sieht er dessen Entwicklungen auch mit Sorge. Sehr nachdenklich machen ihn die digitalen Abhängigkeiten der Jugendlichen von der mobilen Kommunikation. Brasilien ist für den Autor ein erschreckendes Beispiel, wie der Wunsch nach technischem Fortschritt und dem globalen Anschluss an westliche Normen nicht dazu beitragen, die Vorteile in der Nutzung der Medientechnologien gesellschaftlich herauszuarbeiten. Die blinde, unkontrollierte und nur auf Kommerz ausgerichtete Handhabung zeigt, wie Schulkinder ihre Empathie für ihre Klassenkameraden verlieren, sich anscheinend nur noch lautstark artikulieren können und in Aggressivität verfallen.

Natürlich ist Facebook nicht allein dafür verantwortlich zu machen, doch trägt seine Verlockung dazu bei, dass die – im Reifeprozess befindlichen – Jugendlichen sich leichter manipulieren lassen als Erwachsene und man ihre psychologische Schwäche bewusst missbraucht. Die obige Referenz „650 Stunden pro Monat in sozialen Netzwerken“ belegt die permanente Präsenz von Medien aller Art im Alltag dieser Menschen und die vorhandene Sucht, die der Gesellschaft langfristigen Schaden bereits zuführte und weiter zuführen wird.

Schlussfolgerung aus 80 Tagen Facebook-Verzicht

Medienerziehung ist mit die wichtigste Aufgabe, die die Gesellschaft in allen Bildungseinrichtungen zum Pflichtprogramm machen müsste. Die Lehrgewichtung an Schulen zugunsten der Wissenschaften ist bewusst zu hinterfragen und müsste aus Sicht des Autors hinter der Medienerziehung anstehen. Denn was nützen dem Menschen all sein theoretisches Wissen, wenn er nicht mehr in der Lage sein wird, etwas für den anderen zu empfinden, ihn zu schützen und sich mit ihm fortpflanzen zu wollen?

Der Selbsttest ist kein wissenschaftliches Experiment, unterliegt keiner Allgemeingültigkeit, sondern ist rein subjektiv und persönlich zu sehen. Es war der Versuch, selbst zu erfahren, was mit einem passiert, wenn man etwas nicht tut und gegen den Strom schwimmt. Es ist der Mut, sich wieder seines eigenen Verstandes zu bedienen.

Foto: Credits to geralt (pixabay.com)

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Thorsten Wollenhöfer

Autor & Dozent bei SOCIALMEDIALERNEN.com
Betrieblicher Ausbilder (IHK)
Lehrkräftefortbilder (HLbG)
Spezialist für Strategisches Internet Marketing (SIM)
Zertifizierter Multiplikator für Elternschulungen des Hessischen Kultusministeriums
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